Kunst im Vorbeispazieren

Seid ihr auch schon genervt vom gefühlt unendlichen Lockdown und dem tausendsten langweiligen Spaziergang um den Häuserblock? Dann geht es euch wie mir! Irgendwann reicht es einfach und man möchte wieder etwas sehen und erleben. Leider haben die Museen in Wien aktuell geschlossen, bei genauerer Betrachtung stellt man aber fest, dass die ganze Stadt ein großes Freiluftmuseum für Kunst ist. In diesem Artikel zeige ich euch temporäre, sowie permanente Kunstinstallationen, welche aktuell in Wien betrachtet werden können. Gratis und an der frischen Luft! Einige der Werke bieten sich ideal für einen Abendspaziergang an, andere wiederrum können auch untertags bestaunt werden. Los geht’s!

DORNWITTCHEN & PLAN B

Meinen Abendspaziergang beginne ich am Praterstern. Dort sind seit drei Tagen zwei bunte Glashäuser aufgestellt, welche untertags durch die Sonne ein wunderschönes Farbenspiel darbieten sollen und abends beleuchtet werden. Das Kunstwerk soll ein Zeichen für Wachstum und Sicherheit darstellen und als Vorbote für die Umgestaltung des Pratersterns dienen. Kuratiert wurde das Projekt von der Basis.Kultur.Wien.

Praterstern

ERWIN WURM / BIG MUTTER

Der nächste Halt auf meiner abendlichen Tour ist der Stephansdom. Dompfarrer Toni Faber ist dafür bekannt immer wieder Interventionen zeitgenössischer Künstler*innen in den Stephansdom zu holen. Damit steht er in der Tradition von Monsignore Otto Mauer, welcher ab den 1950er Jahren die Galerie nächst St. Stephan leitete und damals junge Künstler*innen wie zum Beispiel Oswald Oberhuber, Arnulf Rainer oder Maria Lassnig unterstützte und förderte.

Zuletzt diente wieder ein überdimensionaler Pullover von Erwin Wurm als Fastentuch zur Verhüllung des Altars im Stephansdom während der Fastenzeit. Erwin Wurms Skulptur Big Mutter ist nach wie vor an der Südseite des Stephansdoms zu sehen. Ganz im Sinne einer wärmenden Nächstenliebe, soll die vier Meter hohe Wärmflasche den Betrachter erinnern an seine Mitmenschen zu denken.

Erwin Wurm, Big Mutter, 2015

BILLIE THANNER / HIMMELSLEITER

Für die nächste Installation reicht es, wenn wir unseren Blick nach oben schwenken. Bis zum 31. Mai erstrahlt an der Spitze des Südturms die goldene Himmelsleiter der Künstlerin Billie Thanner. Auch sie ist als ein Symbol der Hoffnung zu verstehen. Die Installation beginnt im Inneren in der Taufkapelle und strebt dann nach oben, wo sie das Gewölbe durchstößt und gen Himmel wandert. Ganz nach dem Motto „Es wird wieder bergauf gehen.“

Billie Thanner, Himmelsleiter, 2021

OLAFUR ELIASSON / YELLOW FOG

Meinen Abendspaziergang setze ich über den Graben in Richtung Am Hof fort, denn dort erwartet uns ein besonders beeindruckendes Spektakel. Seit dem Jahr 2008 bekommt der Platz Am Hof, entlang der Fassade des Verbundgebäudes allabendlich eine besonders mystische Aura. Seitlich im Boden befinden sich Fugen, aus welchen jeden Tag zur Dämmerung (bei mir waren es ein paar Minuten nach 20:00 Uhr – also kurz nach Sonnenuntergang) für eine Stunde lang ein gelber (eigentlich eher oranger) Nebelschleier emporsteigt. Die Installation Yellow Fog thematisiert den Übergang vom Tag zur Nacht und soll den Betrachter auf subtile Weise auf die Veränderung des Tagesrhythmus hinweisen. Es ist die erste und wirklich beeindruckende Installation des dänischen Künstlers in Wien. Im Übrigen hat Eliasson auch die Lampen für die renovierte Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum designt, dort lohnt sich also auch ein Blick nach oben, sobald es wieder möglich ist.

Olafur Elliason, Yellow Fog, 2008

RADE PETRASEVIC / WHAT IF I NEVER FIND OUT WHO’S A GOOD BOY

Meinen Spaziergang setze ich am nächsten Tag fort und beginne bei der Kunsthalle Wien am Karlsplatz. Außen an der Glasfront hat der Künstler Rade Petrasevic – in Anlehnung an Klimts Beethoven Fries gegenüber in der Secession – ein Fries erschaffen, welches sich thematisch mit den psychisch belastenden Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzt, welche die COVID-19 Pandemie mit sich brachte. Der Titel der Arbeit ist an das Meme eines Mopses angelehnt, welcher bei einer Autofahrt aus dem Fenster blickt und sich fragt, ob er denn jemals herausfinden wird, wer ein guter Junge sei.  In seinem Werk macht sich Petrasevic einen ähnlichen Modus wie in Memes zu Nutze, denn deren Verbindungen zwischen Bild und Text können nicht nur humoristisch, sondern auch philosophisch und gesellschaftskritisch sein. Die Arbeit ist noch bis zum 6. Juni 2021 zu sehen.

Rade Petrasevic, What If I Never Find Out Who’s A Good Boy, 2021

KAJA CLARA JOO / ARTE FACTUM / MQ ART BOX

Über den Getreidemarkt wandere ich weiter hinauf zum Museumsquartier. Die dort befindliche MQ Art Box wird seit 2014 von Smolka Contemporary kuratiert und liegt wie ein Glasschaukasten neben dem Leopoldmuseum. Aktuell (bis 09.05) ist dort die kinetische Installation ARTE FACTUM der jungen Künstlerin Kaja Clara Joo zusehen, in welcher naturhistorische Mythen auf eine performative Materie treffen. Ihre Werke werden aus Latex gegossen und verändern sich durch das einfallende Licht nach einiger Zeit, indem das Material poröser oder dunkler wird. Eine ihre Installationen beeindruckte bereits im letzten Jahr auf der PARALLEL VIENNA im Raum der Galerie Rudolf Leeb.

Kaja Clara Joo, ARTE FACTUM, 2021

KATHARINA CIBULKA / SOLANGE

Vom Museumsquartier ausgehend spaziere ich über den Maria-Theresien-Platz, in Richtung Michaelator, Kohlmarkt hin zur Tuchlauben. Dort ziert aktuell eine großflächige Staubschutzplane das Gebäude gegenüber von Luis Vuitton. Allerdings ist diese Plane nicht mit der üblichen Werbung bedruckt, sondern bestickt mit den Worten „As long as he makes the cash while I work for change, I will be a feminist.“ Diese Plane gehört zu Cibulkas SOLANGE Projekt welche die Notwenigkeit feministischer Forderungen verdeutlichen soll. Die Künstlerin schreibt, dass durch das Besticken dieser Baunetze eine Männerdomäne buchstäblich durchdrungen und neu besetzt wird, um inhaltlich relevante, gesellschaftliche Aussagen zu transportieren. Zusehen bis Juni 2021.

Katharina Cibulka, Solange, 2020, Tuchlauben 4, 1010 Wien

Damit bin ich vorerst am Ende meines Spazierganges angekommen, auch wenn es in der Stadt um einiges mehr an Kunst im öffentlichen Raum zu entdecken gibt. Zum Beispiel verstecken sich in den U-Bahn-Stationen quer durch das ganze Netz manchmal subtilere, manchmal auffälligere künstlerische Interventionen.

Habt ihr weitere Tipps für Kunstwerke, die man auch während des Lockdowns betrachten kann und man keinesfalls verpassen sollte? Schreibt es mir in die Kommentare, dann gehe ich bald wieder spazieren!