Wie ein Esel die Kunstwelt foppte

Kunst die international für Schlagzeilen sorgt, wie zum Beispiel der geschredderte Bansky im Jahr 2018 oder Cattelan’sche Banane aus dem Jahr 2019 ist ein Phänomen des 21. Jahrhunderts? Weit gefehlt!

Bereits im Jahr 1910 sorgte ein Gemälde im Pariser Salon des Indépendants für Aufsehen. Es handelte sich um ein weitestgehend abstraktes Gemälde des bis dato unbekannten Künstlers Joachim-Raphael Boronali. Dargestellt ist ein Sonnenuntergang über der Adria. Der untere Bereich ist mit Blau- und Grüntönen grundiert, während der obere Teil des Bildes von Orange- und Gelbtönen dominiert wird. In der Mitte des Gemäldes finden sich wilde in gelber und roter Farbe gemalte Pinselstriche, welche nichts Konkretes darstellen vermögen.

J.R. Boronali, Et le soleil s’endormit sur l’Adriatique, 1910, Öl auf Leiwand, 54 × 81 cm. (c) Wikimedia Commons

Solch ungegenständliche Bilder waren damals etwas sehr Neuartiges und Modernes und nicht jeder konnte etwas damit anfangen. Generell ist die Zeit um 1910 von zahlreichen künstlerischen Umschwüngen geprägt, wie zum Beispiel die Strömungen des Fauvismus und Kubismus beweisen, welche in Richtung der reinen Abstraktion steuern.

Auch der Künstler J.R. Boronali wollte eine neuen Kunststil proklamieren und so verfasste er Manifest des Exzessivismus, welches das Gemälde begleitete, auf der Messe verteilt wurde und in einigen Zeitungen abgedruckt wurde. Darin heißt es:

„Der Exzess in allem ist eine Kraft, die einzige Kraft. Die Sonne ist nie zu feurig, der Himmel zu grün, das ferne Meer zu rot, die Dunkelheit zu tiefschwarz, die Helden zu kühn, die Blumen zu duftend. Lasst uns wüten, lasst uns die absurden Museen verwüsten, lasst uns die Routinen, die berüchtigten Süßwarenhersteller mit Füßen treten und unternehmen wir einen flexiblen und präzisen Schritt in Richtung des besten „Werdens“. Hoch mit den Paletten! Hoch mit den Pinseln und hoch mit den Tönen! Erleben Sie das Scharlachrot, das Violett, die funkelnden Edelsteine, all diese wirbelnden und sich überlagernden Töne sind das wahre Spiegelbild des erhabenen Sonnenprismas.
(…)  Keine Linien mehr, keine Fluktuationen, keine Handwerkskunst mehr, sondern blendendes, leuchtendes Licht.“

Eine genauere Erleuterung zu diesem Manifest hat der Künstler jedoch nicht parat. Eine mögliche Erklärung liefert uns Everett Lett in seiner Dissertation. Er schreibt, dass man mit dem Werk und dem Text den Anschein erwecken wollte die Abhängigkeit des Impressionismus von Licht und Farbe, zur Darstellung subjektiver gegenständlicher Zustände zu überwinden versuchte, indem man den impressionistischen Intellektualismus mit fauvistischer Kühnheit verschmolz.[1]

In jedem Fall dürften das Werk und das Manifest einiges an Aufmerksamkeit unter Besuchern und Kunstkritikern erhalten haben.

Ein Zeitgenosse Boronalis, Karl Eugen Schmidt schreibt in der Kunstchronik vom 29. April 1910, dass das Manifest verlautbare das Übertreibung das einzig wahre sei um etwas zu leisten, und dass man überlaut schreien und toben müsse. Aber eigentlich wäre das auch nichts neues, weil viele der bildenden Künstler dieses System schon lange verfolgen. Zudem meint er, dass dieses Bild aus blauen, roten und gelben Pinselstrichen nicht sehr aufregend ist und man schon seit Jahren tollere und erstaunlichere Dinge auf diesen Ausstellungen sieht. Dementsprechend wäre auch die Kunstkritik vorsichtig zurückhaltend gewesen. „(Sie) meinte, die Sache sei nicht schlecht, aber man könne noch kein definitives Urteil fällen, und Herr Boronali solle einstweilen nicht so unbescheiden sein, sondern warten, bis er etwas mehr geleistet habe.“ Allerdings, so schreibt er weiter, wird man heutzutage schnell als vertrocknetes Fossil und unverständiger Banause abgetan, wenn man nicht jede neue Offenbarung bewundern würde, deshalb drücken sich die meisten Kunstkritiker in abgewägten, diplomatischen Orakelsprüchen aus.

Diejenigen Kritiker, die das Werk so hochlobten, wurden jedoch bald eines besseren belehrt. Denn am 28. März 1910 – 10 Tage nach der Eröffnung – schreibt die Zeitung „Le Matin“: „Ein Esel als Schulleiter. Er stellte bei den „Indépendents“ ein Bild aus, das mit seinem Schwanz gemalt war. Dieser Esel, es ist wahr, stammt vom Montmartre.“

Artikel des Le Matin, 18.03.1910

Es stellte sich also heraus, dass es den Künstler Joachim-Raphaël Boronali gar nicht wirklich gibt. Stattdessen erlaubten sich die drei Journalisten Roland Dorgelès. André Warnod und Jules Depaquit einen Scherz. Sie borgten sich vom Besitzer des Cabaret Lapin Agile einen Esel namens Lolo aus, auf dessen Schwanz sie einen Pinsel banden und welcher durch Karotten schließlich dazu motiviert werden sollte die Leinwand hinter ihm zu bemalen. Der Name Boronali war ein Anagramm des Wortes Aliboron, welches im französischen entweder für eine törichte Person oder als Spitzname für einen Esel steht.

Esel Lolo am Werk (c) Wikimedia Commons

Sie holten sogar einen Notar hinzu, damit dieser später bestätigen kann, dass das Werk tatsächlich von einem Esel gemalt wurde.

Aber was war der Grund für diese Scherzaktion?

Zum einen wollten sie laut Everett Lee die Futuristen parodieren zum anderen so sagte Dorgelès selbst „den dummen, unfähigen und eitlen Menschen, die einen Großteil des Salon des Indépendants überschwemmen, zu zeigen, dass das Werk eines Esels, das mit großen Schwanzstrichen gepinselt wurde, unter ihren Werken nicht fehl am Platz ist“.[2]

Wer sich jetzt fragt, wie das denn überhaupt passieren konnte, der muss wissen, dass der Salon des Indépendants, welcher 1884 als Gegenbewegung zu den klassischen Pariser Salons gegründet wurde, keine Jury besitzt. Das heißt, jeder der dort ausstellen wollte, der konnte dies auch. Er musste nur einen kleinen Mitgliedsbeitrag bezahlen, wer dahinter steckt und ob es sich dabei um reale Personen handelt wurde nicht kontrolliert. Dementsprechend konnte man auf diesen Ausstellungen teilweise bis zu 6000 Werke bestaunen. Eine schier unglaubliche Anzahl.

Dass sogar ein Esel ein Bild malen und im Salon des Indépendants ausstellen kann sorgte anschließend national, sowie international für Schlagzeilen. So schreiben zum Beispiel die Innsbrucker Nachrichten am 1. April 1910 die Künstler saßen zusammen und sprachen über den Niedergang der heutigen Kunst und so haben sie sich den Salon des Indépendants als Gegenstand ihrer abfälligen Kritik auserwählt. Die Meldung ist sogar bis in die USA und nach Indien vorgedrungen. Im Bombay Gazette kann man am 18. April 1910 lesen, dass es zwar schon lange bekannt wäre, dass ein Esel mehr Hirn hätte als menschliche Spötter und er von selbst wieder nach Hause findet, wenn man ihn alleine lässt, aber dass ein Esel ein Bild malen könne, das wäre etwas Neues.

Ob man mit so einem Streich auch heute noch solche Schlagzeilen schreiben kann? Wer weiß, allerdings sind malende Tiere heutzutage keine wirkliche Besonderheit mehr, da müsste der oder diejenige schon besonders kreativ werden. Vielleicht kann man ja einen Affen dressieren eine Banane mit Duct Tape an die Wand zu kleben. Aber vermutlich wäre ihm die als Snack lieber.

Pére Frédé mit seinem Esel Lolo (c) Wikimedia Commons

[1] Stephen Everett Leet, Laughing Revolutions: The popular culture of modern aesthetic manifestos, Memphis 2019, S. 141.

[2] Ebenda, S. 143.

Ein Gedanke zu „Wie ein Esel die Kunstwelt foppte

  1. Christine streubel sagt:

    Hallo Lolo
    Das ist ja eine irre story UND DIE FORTSETZUNG im kunstgeschehen mit eSeL

Kommentare sind geschlossen.